Empfinger Ruaßhexa live 2019

28. Febr. 2019

Zu den höchsten Feiertagen überhaupt in Empfingen zählt der Ruaßige Dauschdig - der Tag, den man andererorts als den Schmotzigen oder Auseligen kennt. An diesem Tag (und nur an diesem) ist die Ruaßhexe, eine urige Gestalt der freien Empfinger Fleckenfasnet, unterwegs. Das Häs dieser Hexe besteht aus alten, dunklen Röcken über der Schulter und an der Hüfte. Das Gesicht ist mit Gardinenstoff vermummt. Auf dem Kopf trägt sie die sog. Gatterhaube. Diese waren einstmals abgelegte Radhauben der Frauentracht. Später wurden diese Hauben von den Hexen selbst nachgemacht (Text-Fortsetzung unten).

Punkt 12.00 Uhr ziehen die Ruaßhexen (nur Männer) am Ruaßigen Donnerstag in vielen freien Gruppen durch den Ort. Dabei wird das Gesicht der Passanten mit Ofenruß von Holzöfen geschwärzt. Und um 18.00 Uhr sind die Ruaßhexen dann auch schon wieder verschwunden. Zunächst aber trafen sich alle teilnehmenden Männer ab 11 Uhr im Sängerheim, wo zur Stärkung Udo Blecher (im übrigen einzigen weißen Hexe seit 23 Jahren) die Hexensuppe servierte. Als Suppen-Investoren haben sich Fr. Dr. Schieletz, Fr. Dr. Zingerle und Zahnarzt Kleindienst erwiesen. Sodann übernahm der Brauchtums Experte Werner Baiker das Wort und sang die wichtigen Regeln im schwäbischen Hexen-Rhythmus:

  • Der haischte Feiertag, deans geit - des isch da Ruaßig Dauschtig heut.
  • A Ruaßhex sei, des isch da Hit - doch manches sott ond duat mer it.
  • A Ruaßhex goht en Flecka nei - doch erscht, wenn's Zwelfe isch schau gsei.
  • A Ruaßhex sott it schau am Drie - so bsoffa sei wia a Schtuck Vieh.
  • A Ruaßhex sott Sechzehne sei - denn vorher isch se oafach z'klei.
  • A Ruaßhex machet d'Mädle schee - em Gsiicht schwaaz wia a Negerle.
  • A Ruaßhex machet d'Mädle it - vom Hals doob schwaaz, naa bis en Schritt.
  • A Ruaßhex dia hot schwaaze Hend - weil koane Hedscha danna send.
  • A echte Ruaßhex isch escht griecht - mit weißem Vorhang uffem Gsiicht.
  • A Ruaßhex geht en schwaaza Schtiefel uff d'Gass - ond it en rauta Turnschuah, Marke Adidas.
  • Ab Sechse isch dees Ruaßla rom - a reachte Hex zieht sich no om.
  • Frau Dr. Schieletz, Frau Dr. Zingerle und Zahnarzt Christoph Kleindienst tausend Dank, bei da Hexa-Supp für Speis und Trank.
  • Ein lob an Udo, onsern weißa Hexaküchameister, sei Kochkunst ons scho lang begeistert.
  • Ond z'letscht no an Dank em Gsangverei - dass do heut d'Hexasupp derf sei.
  • F--eil Freid, wenn I's no saga deff - wenscht Euch da ganze eFeF- eFeF.
  • Es isch jetzt Zeit ond I hör uff - susch derf da Werner nemme vo Hausa ruff.

"High Noon" oder 12 Uhr mittags - wer jetzt noch fahrlässig durch die Gegend spazierte, riskierte ein schwarzes Gesicht - aber diese Schwärzung durch die Ruaßhexa ist in Epfenga die allerhöchste Ehr!! Man sieht's an den Gesichtern, wie sie alle voller Stolz strahlen. War das Rathaus bis dato nur für eine auserwählte Anzahl von Rußahexa kurzfristig geöffnet, hat sich dieser Zustand mit dem närrischen Schultes Ferdinand Truffner komplett geändert: jede Ruaßhexe bzw. die Teilnehmer an diesem Brauch sind erstmals überhaupt ab 13.30 Uhr - herzlichst - willkommen. Und die nachvollziehbar Handschuh-Pflicht zum Schutz vor weißen Wänden wird auch von allen respektiert.

Was für ein unglaubliches Gefühl, wenn das Gesicht mit Holzofen-Ruß geschwärzt wird - Weihnachten kann nicht schöner sein!. Unglaublich, wie sich der Stellenwert der NZ Epfenga durch die konsequente Bewahrung ihres Brauchtums entwickelt hat. Allen voran der Brauchtums- und Strohfiguren-Experte Werner Baiker, der schriftlich und stellvertretend durch Papst Franziskus verdientermaßen vom Schultes zum "Strohbären-Papst" ernannt wurde. Hoch da Bär !! Schlag 18 Uhr sind alle Ruaßhexa wie vom Erdboden verschwunden.

Rückblick - zu den Ruaßhexa 2014:

Epfenga als kleines Nest gelingt es alljährlich durch die Wahrung ihrer Traditionen mit den ganz, ganz Großen problemlos mitzuhalten. Und eines ist ganz markant bei den Epfengern: sie tragen ihre Nase weiterhin mitten im Gesicht - im Gegensatz zu etlichen anderen Traditionsflecken, die die Nase weit über der Stirn tragen und damit einen abgehobenen Eindruck hinterlassen.