Grosselfinger Narrengericht 2005

3. Febr. 2005

Im Jahr 1623 wurde die Bruderschaft des Ehrsamen Narrengerichts gegründet. Die Anfänge des Narrengerichts gehen allerdings noch ein bis zwei Jahrhunderte zurück in die Zeit der bubenhofischen Herrschaft. Nach der Überlieferung soll Hans Heinrich von Bubenhofen, der in Grosselfingen residierte, ein Spiel zur Erheiterung der von der Pest schwer getroffenen Bevölkerung gestiftet haben. Die Anregung dazu soll er aus Venedig mitgebracht haben. Deshalb verwandelt sich der Ort jedes Mal zur Aufführungszeit in das "Venezianische Reich".Eine organisatorische Grundlage erhielt das Narrengericht mit den bereits erwähnten Statuten aus dem Jahr 1623. Noch heute ist die Bruderschaft des Ehrsamen Narrengerichts, in der jeder männliche Einwohner der Gemeinde Mitglied ist, Trägerin der Vorbereitung und Aufführung des Spiels.

Der "religiöse" Charakter der Bruderschaft unterscheidet die Vereinigung von den meisten anderen Fasnachtsorganisationen. Dies unterstreicht auch der 1623 gestiftete Jahrtag in der Kirche, der im Gegensatz zum Narrengericht selbst nicht alle fünf Jahre, sondern jedes Jahr am "Schmotzigen Donnerstag" begangen wird. Im Jahr 1728 wurde das Narrengerichtsbuch gebunden, die erste erhaltene schriftliche Niederlegung zum Narrengerichtsspiel selbst. Dort werden die närrischen Bestimmungen des Narrengerichts sowie die einzelnen Rollen und Spielteile beschrieben. Zwischen 1830 und 1858 wurde das Spiel des Narrengerichts ausgesetzt, bedingt durch Notzeiten und die Auswanderungswelle nach Amerika, sowie dadurch, dass sich viele Grosselfinger als Arbeitskräfte "in der Fremde" befanden. Bevor das Fastnachtsbrauchtum aber ganz verschwand, besann man sich auf die einzigartige Tradition und gab der Bruderschaft im Jahr 1858 neue Statuten. An diese ist die Bruderschaft des Ehrsamen Narrengerichts bis heute gebunden.

Das Narrengericht wird im Abstand von etwa fünf Jahren am Sonntag vor der Fasnachtswoche und am "Schmotzigen Donnerstag" abgehalten. Das Spiel umfasst einen Umzug, mehrere szenische Darstellungen, Lieder und Tänze und den Höhepunkt, die Gerichtsverhandlung. Der "Jahrtag" am "Schmotzigen" beginnt mit der Jahrtagsmesse und anschließendem gemeinsamen Frühschoppen. Dieser "Jahrtag" findet auch in Jahren ohne Spielaufführung statt. Am Vortag zieht eine kleine Schar von "Butzen", "Trommlern", "Pfeifern" und "Hanswursten" durch die Straßen und macht auf den "Jahrtag" aufmerksam. Dabei ziehen sie auch im Rathaus ein. Um zwölf Uhr an den Spieltagen stellt sich der Umzug auf dem Marktplatz auf. Das Spiel hat eine Gesamtdauer von ca. vier Stunden und ist spätestens mit Aufzug der Dämmerung zu Ende. Insgesamt nehmen ca. 350 Männer und Knaben an der Aufführung teil. Die gesamte Markung wird zum "Venezianischen Reich" erklärt, deren Residenz Grosselfingen dann ist. Alle Mitspieler tragen als Kennzeichen an ihrer Kopfbedeckung und Gürtel das Kürzel "H. v. V.", "Herren von Venedig". Vom Umzug werden wichtige Funktionsträger bei ihren Wohnhäusern abgeholt: der "Fähnrich", die "Majore", die "Bäder" und der "Narrenvogt". Der Gruß "Guten Morgen Ihr Brüder" eröffnet das Spiel. Insgesamt sind etwa 40 kostümierte Gruppen am Spiel beteiligt, darunter "Geiger", "Wegräumer", "Edelknaben", "Korporale", und "Gärtner".

Nach der Rückkehr auf den Marktplatz wird die "Reichsordnung" verkündet und das "Venezianische Reich" ausgerufen. Anschließend zieht das Gericht mit den "Magistraten", dem "Narrenvogt", den "Majoren" und "Doktoren" ein. Das Gericht tagt dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem verdunkelten, mit Kerzenlicht ausgeleuchteten Raum. Zuvor sind unter den Ehrengästen Verhaftungen ausgesprochen worden. Die Angeklagten gehören zur Prominenz aus der Landes- und Kommunalpolitik. Zwischenzeitlich werden die Zuschauer mit Tanzvergnügungen unterhalten; ein Teil des Umzuges, unter anderem die "Metzger", machen sich unterdessen auf durchs Dorf zum Pfarrhaus. Dort wird ein großer Krauthafen mit Fleischbeigaben bereitgehalten und von der Gruppe abgeholt.

Der dritte Spielteil des Narrengerichts beinhaltet das Sommervogelspiel auf dem Marktplatz. Der Sommervogel, eine Taube, wird von zwei ledigen, jungen Männern bewacht. Nun kommt der Gemeindebürgermeister, der "Gemeindevogt", ins Spiel. Er verwechselt den Sommervogel mit allen möglichen Vogelarten und streitet seine Echtheit ab. Erst durch die "Narrenbrille" erkennt er seinen Irrtum. Während der Huldigung des Sommervogels durch den Narrenzug werden die Bewacher des Vogels durch einen Trunk abgelenkt. So können die beiden "Räuber" den Sommervogel stehlen. Darauf setzt großes Wehklagen ein. Allerdings werden die Räuber mit Gewehrschüssen verfolgt und durch die "Profose" gefasst. Unter freiem Himmel wird über sie Gericht gehalten, die Diebe werden zum "Wassertod" verurteilt. Darauf bricht der "Narrenvogt" den Stab über die beiden Diebe und verkündet den Sieg des Guten über das Böse. So wird ihnen die Milde des "Venezianischen Reichs" zuteil. "Heiducken" ergreifen die "Räuber" und mit dem Brunnenwurf wird die Läuterung vollzogen. Zum Schluss werden "Fähnrich", die "Majore" und der "Narrenvogt" wieder nach hause zurückgebracht und der Zug löst sich auf. Vor Einbruch der Dunkelheit müssen alle Kostüme abgelegt sein.

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